Wie wir zur Freundschaft gefahren sind…
„Freundschaftszüge“
Die
„Freundschaftszüge“, die jährlich zwischen Kaluga und Suhl verkehrten, boten
eine interessante Möglichkeit für viele Bürger, das Leben in einem anderen Land
kennenzulernen: Es ist eine Sache, darüber in der Zeitung zu lesen, eine ganz
andere, es persönlich zu erleben!
Leider
hat dieser Aspekt der bilateralen Beziehungen bisher kaum das Interesse von
Forschern geweckt, und es gibt erhebliche Unklarheiten in der Chronologie der
Züge in Artikeln und Büchern. Das Hauptproblem besteht darin, dass es keine
durchgängige Nummerierung dieser Züge in den Dokumenten gab: Jedes Jahr fuhren
zwei Züge von Kaluga nach Suhl und zurück, die als „erster“ und „zweiter“ Zug
nummeriert wurden. Daher bitten wir den aufmerksamen Leser beim Studium der
Dokumente dieser Ausstellung, der Nummerierung nicht allzu viel Bedeutung
beizumessen, um Verwirrung zu vermeiden.
In
den Erinnerungen der Einwohner Kalugas wird zum Beispiel angegeben, dass der
erste „Freundschaftszug“ entweder 1974 oder 1976 abfuhr. – Das menschliche
Gedächtnis ist bekanntlich unzuverlässig. Tatsächlich aber, laut einem Bericht
des Korrespondenten der Zeitung Molodoi Leninets, verkehrten die ersten beiden Züge bereits im Juli
1971 (vgl. Molodoi
Leninets,
1971, Nr. 79 (2959) vom 6. Juli 1971, S. 4; Nr. 88 (2968) vom 15. Juli 1971, S.
3).
Somit
erfolgte der gegenseitige Besuch der Bürger beider Länder nun auf zwei Wegen.
Einerseits gab es weiterhin Besuche kleiner Delegationen (wenige Personen) von
Parteifunktionären, Komsomol-Führern, Vertretern der lokalen
Selbstverwaltungsorgane, Mitarbeitern kooperierender Industriebetriebe,
landwirtschaftlicher Unternehmen und Vertretern der Intelligenz (z. B.
Hochschullehrer, Schriftsteller, Musiker usw.), andererseits waren die
„Freundschaftszüge“ große, massenhafte Besuche (bis zu 350 Personen). Es
handelte sich dabei jedoch nicht um gewöhnliche Bürger, die einfach ein anderes
Land besuchen wollten, sondern um sorgfältig ausgewählte, herausragende Vertreter
von Betrieben und Institutionen. Die Leitung der Züge wurde von einer Gruppe
von Parteifunktionären übernommen. – Das Ziel war es, sich keine Blöße zu geben
und den ausländischen Freunden die besten Erbauer des Kommunismus zu
präsentieren! Das galt gleichermaßen für die sowjetische und die deutsche Seite
(vgl. Dokument 97).
Merkwürdigerweise
sind von den „Freundschaftszügen“ insgesamt nur wenige Fotos erhalten
geblieben. Wahrscheinlich, weil die Tradition in den 19 Jahren ihrer Existenz
zur Routine geworden war: feierlicher Empfang am Bahnhof, jedes Jahr ein
ähnliches Kulturprogramm und der ebenso feierliche Abschied. Entsprechend waren
auch die Fotosessions der Züge recht einheitlich. Dennoch werfen wir einen
Blick auf die Aufnahmen der feierlichen Empfänge der „Freundschaftszüge“ und
bedenken dabei, dass die versammelten Bürger Mitarbeiter von Betrieben waren,
die speziell zum Bahnhof geschickt wurden (vgl. Dokumente 99–104).
Der
erste Versuch des Austauschs großer Delegationen erwies sich als erfolgreich,
verlief ohne Zwischenfälle und in den darauffolgenden Jahren bis 1989 fuhren
die beiden „Freundschaftszüge“ jedes Jahr, um Bürgern die Gelegenheit zu
bieten, ihre Freunde persönlich zu sehen.
Übrigens
wurde das Schema des Delegationsaustauschs, der ausschließlich auf der Schiene
stattfand, in der zweiten Hälfte der 1970er Jahre komplizierter. Zusätzlich zu
den „Freundschaftszügen“ zwischen Kaluga und Suhl (und zurück) fuhren Züge mit
gemischten Delegationen, wobei jedem sowjetischen Gebiet, das mit einem
DDR-Bezirk befreundet war, nur ein einziger Waggon zugeteilt wurde (also etwa
50 Plätze). Ebenso verkehrten in die DDR Züge, deren Passagiere über das 1958
in der UdSSR gegründete Büro für Internationalen Jugendtourismus „Sputnik“
reisten. An diesen Reisen, die von „Sputnik“ organisiert wurden, nahmen
Pioniere und Komsomolzen – Schüler und Studenten – teil.
Es
fällt uns schwer zu sagen, wie die Einwohner des Bezirks Suhl über die
Teilnahme an solchen Reisen dachten: In unserem Archiv gibt es keine entsprechenden
Dokumente. Auch die Reaktion einfacher sowjetischer Bürger wurde in den
Dokumenten des ehemaligen Parteiorganisationsarchivs nicht festgehalten.
Dennoch seien einige persönliche Überlegungen angeführt.
Die
politische Weltkarte war in der sowjetischen Zeit einfach und für die Bürger
verständlich: Sie wurde im Geschichts- und Gesellschaftsunterricht vermittelt.
– Die Welt war in zwei Lager geteilt: das kapitalistische und das
sozialistische. Außerdem gab es die „Dritte-Welt-Länder“, also die „Entwicklungsländer“,
die entweder dem sozialistischen oder dem kapitalistischen Lager angehörten.
Für
einen sowjetischen Bürger – einen Erbauer des Kommunismus auf einem Sechstel
der Erde und bald auf der ganzen Welt – war es äußerst schwierig, ins Ausland zu
reisen. Eine touristische Reise in ein Land seiner Wahl war praktisch
unmöglich. – Denken Sie an die Kreuzfahrt aus dem Film Brilliantovaia Ruka. Für eine Reise ins
„Ausland“ musste man eine makellose Reputation besitzen (politische
Zuverlässigkeit), hervorragende Empfehlungen vom Arbeitsplatz vorlegen und über
erhebliche finanzielle Mittel zur Bezahlung der Reise verfügen.
Es
gab noch eine ungeschriebene Regel: Um sicherzustellen, dass der sowjetische
Erbauer des Kommunismus nicht auf die Idee käme, in einem „verrottenden
kapitalistischen Westen“ zu bleiben, erlaubte das Vaterland zunächst Reisen in
die „festen“ sozialistischen Länder wie Bulgarien oder die DDR. Der nächste
Schritt führte in „weniger gefestigte“ sozialistische Länder wie Jugoslawien,
und erst danach konnte man in ein „entwickeltes“ oder kapitalistisches Land
reisen. Bei all diesen Reisen wurde der Bürger stets aufmerksam von einem
Gruppenleiter (Mitglied der KPdSU) und einem KGB-Offizier im Hintergrund
überwacht.
Warum
diese lange Abschweifung? – Eine Reise in die DDR mit dem „Freundschaftszug“
bot den Einwohnern Kalugas nicht nur die Möglichkeit, zu sehen, wie Europäer
lebten, sondern eröffnete auch die Chance, später in andere Länder der Welt zu
reisen.
Die
Einwohner Kalugas, die heute über fünfzig Jahre alt sind, erinnern sich noch an
ihre Eindrücke von diesen Reisen: eine andere Lebensweise – ungewohnt und
seltsamerweise besser als die eigene – und eine andere Mentalität…
Dennoch
war der Lebensstandard in der sozialistischen Mentalität zweitrangig, und der
Hauptinhalt des Programms der „Freundschaftszüge“ war die Kultur des
Bruderlandes. Dazu gehörten Besuche von Sehenswürdigkeiten, Spaziergänge durch
historische Gassen und Konzerte. „Shopping“ fand zwar statt, jedoch in
begrenztem Umfang, da nur wenig Geld umgetauscht wurde (einige Delegationen
reisten sogar „ohne Währung“, d. h. sie erhielten keine DDR-Mark), und für
Einkaufsbummel blieb kaum Zeit.
Die
Programme der „Freundschaftszüge“ waren, wie bereits erwähnt, meist
standardisiert und eintönig. Was kann man schon in 3–4 Tagen besichtigen? (vgl.
Dokumente 105–106). Jugendgruppen, die über „Sputnik“ organisiert wurden,
hatten ein intensiveres Programm mit Begegnungen junger Arbeiter aus
DDR-Betrieben, während die kulturellen Aktivitäten auf ein Minimum reduziert
wurden. Gruppenleiter beklagten in ihren Berichten, dass Tanzabende völlig
überflüssig seien (vgl. Dokument 107).
Die
Freundschaft zwischen Kaluga und Suhl spiegelt sich nicht nur in textlichen
Dokumenten und Fotografien wider, sondern auch in Artefakten, von denen viele
den „Freundschaftszügen“ gewidmet sind. Dazu gehören dekorative Teller mit der
Aufschrift „40 Jahre DDR – 20 Jahre Partnerschaft zwischen Kaluga und Suhl“,
neun Anstecknadeln zu verschiedenen Gedenkdaten des bilateralen Austauschs
sowie ein Wimpel mit den Flaggen der UdSSR und der DDR und der
handschriftlichen Aufschrift „Freundschaftszug 22.10.1976. Union der Deutschen
Jugend“ mit den Unterschriften der Teilnehmer. Außerdem besitzt unser Archiv
eine Fahne, die Kaluga von Delegierten der Bezirkskonferenz der SED in Suhl im
November 1974 überreicht wurde, ebenfalls mit Autogrammen der Teilnehmer (vgl.
Dokumente 123–125).
Den
Abschluss dieses Abschnitts bildet ein berührendes Foto eines deutschen
Teilnehmers des „Freundschaftszuges“, der sich von Kaluga verabschiedet (vgl.
Dokument 126).